AUSSTELLUNGEN ALS FREIER KURATOR

2002 WGZ-Bank Düsseldorf

Bilder einer Bank – die Neuerwerbungen – ausgewählt von Wolfgang Becker

Erwerbungen von 136 Werken europäischer Künstler Bernard Frize, Ralph Fleck, Peter Zimmermann, Karin Kneffel, Joachim Bandau, Hartmut Neumann, Tony Cragg, Fritz Schwegler, Boris Becker, Nils Udo, Elger Esser, Olafur Eliasson u. a.

2001-2004 Arbeit als Gastkurator für die König-Brauerei in Duisburg – Inventar der Sammlung


2005 Heerlen Glaspaleis

BROKEN GLASS – Glas in Kunst und Architektur

Mary Bauermeister/ Joseph Beuys/ Tony Cragg/ Felix Droese/ Luciano Fabro/ Dan Graham/ Rebecca Horn/ Roni Horn/ Micha Kuball/ Raimund Kummer/Adolf Luther/ Ana Mendieta/ Mario Merz/ Pipilotti Rist/ Wolf Vostell u.a. m.

Beiträge von Manfred Speidel: Zukunft unter Glas/ Kosmisches Leuchten/ Gläserne Lust und gläserner Schrecken/ Angang: Der Weltbaumeister/ Dandanah, der Märchenpalast - Marttijn Voorvelt: Glas und Musik: eine zerbrechliche Beziehung – Ari Altena: Fensterscheiben und zerbrochenes Glas in der modernen Literatur – Kevin Toma: Glas und Film


2013 - 2016 KUNSTWECHSEL

Eine Produzentengalerie für Aachener Künstler in leerstehenden Ladenlokalen 2013-16

Dahmengraben: Karl von Monschau - Klaus Herzog

Wilhelmstraße: „AHHA Aachens heiße Quellen und die Künstler“ - 6 rumänische Künstler (mit Radu Dobre Sima) -„Bulgur“ Karl von Monschau -„Pollen – Samen – Blätter“ Mohammed Ahmed, Alan Sonfist, Mahmut Telfah –„Großraum“ Ralf Wierzbowski, Bernd Radtke - Eugenie Degenaar - Wolfgang von Contzen, Arthur Jaworski - „Helden“ Brele Scholz, Ralf Wierzbowski -„Bezlan“ Mohammed Ahmed - „Das Schiff“, Flüchtlingskinder mit Eva Sous - „Kobane“, kurdische Fotografen -  Elana Katz - „Stadtlabor“ Junge Freunde des Ludwig Forums - „Quer“ Künstlerinnengruppe Dreieck -  Gerhard Benz - Detlef Kellermann - Karl von Monschau „Carte Blanche“ „Paarweise“ - Reflex Ausstellung Plan 2:  Karin Odendahl & Arndt Lorenz

In den Aachen Arkaden: Heike Tödt „Böse Kinder“ Malerei - K U L T - U R - G U T Eine Ausstellung der Künstlerinnengruppe Dreieck - Driehoek - Triangle

In St. Elisabeth Hotel Total Daniel Rothbart "Unergründliche Theologien"

Im Kulturzentrum Stadtbad:

2016 "Wasser im Stadtbad"; Fotos Wolfgang von Contzen, Gemälde Sigrid von Lintig, Videos von Daniel Rothbart

2019 GESCHENKT GESAMMELT von Wolfgang Becker. Fotos Aachener Künstler 1976 - 2018


AUSSTELLUNGSERÖFFNUNGEN

2002

Ausstellung Peter Vogt „SEUL“ Kunstverein Aschaffenburg
 

2003

Ausstellung Heuwinkel Umweltbundesamt Berlin – Stadtmuseum Siegburg

Ausstellung Uwe Jahn Galerie-Forum Köln-Lindental

Ausstellung Frank Schwiemann Kaarst Rathaus

Ausstellung Helge Hommes Simeonsstift Trier

Ausstellung  Hans Laven Raum für Kunst Aachen

Ausstellung Joachim Bandau Friedrichshafen


2004

Ausstellung Win Braun Würselen Am Dobach

Ausstellung Tadeusz Koblenz Museum Ludwig

Ausstellung Christiane Schoenen, Helge Hommes, Francois du Plessis Schloss Burgau

Ausstellung Norbert Tadeusz München Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst

Ausstellung Horst Leche BIS-Zentrum M-Gladbach


2006

Maastrich Galerie Post + Garcia. Marta Volkova, Slava Slevelenko

Aachen Regio it Emil Sorge

Lüttich Museum Yves Zurstrassen

Landgraaf ipomal Galerie Renate Müller-Drehsen + Josep Ginestar

Aachen Lousberg Couven-Pavillon Joachim Bandau


2007

Le FRAC Oriental de Belgique. The IKOB Collection. BOZART Brüssel

Nümbrecht Kunstverein Emil Sorge

Schloss Burgau Gerlinde Zantis Michael Dohle Dieter Call

AC Galerie S. M. Schniedermeier Menschenbilder

Frankfurt Galerie Raphael Damian
 

2008

Heinsberg Kreismuseum Eugenie Degenaar

Emsdetten Kunstverein Norbert Tadeusz

Kassel documenta-Halle „Ostwärts Kunst aus dem Altai“ (Acher)

Aachen kukuk „Zeitenwechsel“

Aachen AHA Peter Mainka

Prüm Internationale Kunstausstellung Kaiser-Lothar-Preis Marie-Madeleine Bellenger

Köln-Pulheim Golfclub Eugenie Bongs-Beer
 

2009

Frankfurt Galerie La Brique Eduard Gorokhovski

M-Gladbach Urban Stark

Pulheim Golfclub Oliver Czarnetta

Aachen Galerie Freitag 18.30 David Zimmermann

Aachen Aula Carolina Brele Scholz


2012

Performance an der Heißen Quelle Pockenpützchen von Daniel Rothbart, New York

https://danielrothbart.org/daniel-rothbart-at-pockenpuetzchen/


Geschenkt – Gesammelt

Herbert Albert,
1943 in Aachen geboren, war ein Diplomkaufmann, der bei Urlaubsreisen durch Europa viel fotografiert hatte und sich 1974 entschlossen, Häuser, Zäune, öffentliche Denkmäler auf schwarz-weißen Papierabzügen zu dokumentieren; er wünschte, sie so vorzuführen, dass das fotografische Dokument eine das Objekt überragende Bedeutung gewinnt. Er wollte kein„dokumentarischer Fotograf“ sein. Dokumentarische Fotografie objektiviere zu sehr das subjektive Verhältnis des Fotografen zum Gegenstand, schreibt er in Camera 8 1981.

1974 hatten Schürmann und Kicken die Fotogalerie „Lichttropfen“ gegründet und die heimischen Fotografen durch ihr internationales Angebot irritiert. Albert gehörte zu denen, die ihre Nähe suchten. Ihm gelang es, im gleichen Jahr in der Kölner Photokina auszustellen. Im Sammelband „Das deutsche Lichtbild“ 1979 taucht er noch einmal auf, danach verschwindet er im World Wide Web. Ich habe ihn nicht wiedergefunden und bin für jeden Hinweis dankbar.

Athen,1977
Welkenrath,1978
Kalymnos, 1978
Santorin, 1978
Denkmal Griechenland, 1978


Michael Dohle
habe ich erst in den letzten Jahren kennen gelernt. Er ist der Literat, der Philosoph unter den Fotografen, den die Ränder des Mediums interessieren, seine Unschärfen und Vieldeutigkeit, seine vagen Grenzen zur Zeichnung (gern schiebt er – sozusagen stereometrisch – seine Blätter neben die Pastelle der Gerlinde Zantis), die „Losigkeit“, „Lessness“ Samuel Becketts (1970) (das Thema war Gegenstand einer Ausstellung mit Bernd Radtke und Ralf Wierzbowski 2012). Die „fundstücke“ sind ein gutes Beispiel einer Fantasie, in der Bilder und Texte, Einbildungen und Ideen, Zahlen und Buchstaben die Freiheit fliegender Blätter genießen.

fundstücke, 2007
18 Text- und 20 Bildtafeln auf MagnetfolieAuflage 10 Ex., nummeriert, signiert.
Fotos von Michael Dohle, Textfragmente von 10 Autorinnen und Autoren


Anne Gold
ist eine LICHTBILDNERIN – Lehre in einem fotochemischen Labor, in einem Studio für Porträtfotografie – Gesellenprüfung. Ich lernte sie durch Ann Münchow kennen, der sie half, die Kunstwerke der Aachener Museen zu dokumentieren. Wir wurden Freunde. 1981 reiste sie mit Astrid Brock und mir durch Mexiko und fotografierte mit einer Leidenschaft, als würde ein Buch über die Kunstgeschichte des Landes entstehen. Jahrelang habe ich sie danach gefragt. Die Negative blieben verschlossen. Vor einigen Wochen erst hat sie uns zwei Abzüge der Mexikofotos geschenkt. Die digitale Revolution hat sie überrollt. Aber ihre Lebensarbeit gewinnt einen historischen Wert, der bei zunehmender Distanz nicht abnimmt, sondern wächst.

Im Katalog 1976 schrieb ich: „Anne Gold ist besorgt, dass ihr Beitrag (…) sie festlegen könnte. Sie hat Angst vor Ausstellungen. Sie weiß nicht, ob sie einen eigenen Stil hat. Die Qualität ihrer Fotos liegt ihrer Meinung nach in ihrer Aussage. Diese Aussage darf nicht witzig sein, ihr Gegenstand nicht originell, sie sucht nach ernsteren Zusammenhängen, nach Bedeutungen. Sie spricht nicht gern darüber.“

Mexiko (Pepsi Cola),1981 2017
Mexiko (Romero), 1981
Havanna, 1994
Havanna, 1994
IVA Aachen, 1996


Peter Helm,
68, habe ich jetzt in Konstanz wieder gefunden. Er war damals Student der RWTH und leidenschaftlicher Vertreter der „meditativen Fotografie“, übersetzte 1984 Robert Leverants Buch „Zen in the Art of Photography“ und beteiligte sich an vielen Ausstellungen im Aachener Raum. Er realisierte Fotoprojekte in Guatemala und stellt heute vom Bodensee aus in vielen Ausstellungshäusern im württembergischen Raum aus. Seine Botschaft „Mit dem Herzen sehen“ hat ihn nicht verlassen: „Es ist sehr wichtig, dass der Fotograf eine innere Beziehung zum Motiv besitzt. Diese Beziehung hat etwas zu tun mit Verehrung, Ehrfurcht, Hingabe: das Empfinden einer tiefen Achtung vor dem Motiv. In einem Wort: Liebe.“

Ohne Titel, 1978
Wasser, 2018


„Ich habe bei Prof. Otto Steinert (in der Folkwangschule Essen) gelernt, das war nach meinem Wissen die bestmögliche Ausbildung, die man bekommen konnte. (…) Prof. Steinert prägte damals den Begriff „Subjektive Fotografie“ (…), die vermenschlichte und individuelle Fotografie (…), von einem individuellen Sujet ein naturgemäßes Bild machen.“

Klaus Herzog,
75 erarbeitete als Bildjournalist Reportagen in vielen Ländern für eine Agentur der katholischen Kirche und dokumentierte die Inszenierungen des Aachener Stadttheaters in Szenenfotografien. Als ich ihn 1976 kennenlernte, setzte er seine freien Fotos deutlich von Auftragsarbeiten ab, so dass Schürmann ihm vorwarf, KUNSTfotos zu produzieren – ORIGINALE, deren Negative er zerstörte – dagegen setzte Herzog, dass die Dunkelkammerarbeit eine Vervielfältigung nicht zulasse. Herzog hat in den letzten Jahren Werkgruppen in Bildbänden und Ausstellungen zusammengefasst: die schwarz-weißen PORTRÄTS, aufregende Fundstücke aus fernen Welten, MYSTERIES, Amaryllis, Rosen, Orchideen und AACHENER QUELLENSUCHE.

Yehilu 1, Taiwan, 1978
Yehilu 5, Taiwan, 1978
(Siegel: „Klaus Herzog“)
W. Becker auf der Nikolausquelle, 2011


Irmel Kamp (1937) – Die Dokumentalistin

Sie wusste, dass die Vieille Montagne im ehemaligen Neutral-Moresnet die größte Zinkmine Europas gewesen ist, und suchte nach sichtbaren Zeugnissen des Zink-Jahrhunderts. Um die zinkverkleideten Hausfassaden, die in und um den belgischen Grenzort Kelmis – La Calamine auffallen (La Calamine = Galmei = Zinkerz) zu dokumentieren, stellte sie sich die Aufgabe, in dem Bezirk Neutral-Moresnet ALLE zinkbedeckten Häuserwände zu fotografieren. In der Ausstellung 1981 umgaben die Fotogruppen – Fronten, Rück-, Seitenwände ­­­– eine Landkarte des Bezirks mit Markierungen der Häuser, die sie gefunden hatte.

Kelmis ist nicht weit von ihrem Wohnort Aachen entfernt, sie konnte an allen Tagen bei gleichem Wetter ohne Sonnenschein dort sein und ihre Großbildkamera aufbauen. Die Arbeit war 1981 nicht abgeschlossen, den ersten 300 dokumentierten Häusern sollten weitere folgen.

In Israel suchte sie 1989 Wohn- und Kaufhäuser, die jüdische, aus Europa geflüchtete Architekten im Stil ihrer Heimatländer, im Stil des Bauhauses, des Art Déco entworfen hatten, die nun das Bild der neuen Stadt Tel Aviv bestimmten.1994 erschien das Buch „Tel Aviv Neues Bauen 1930-39“ als Ergebnis ihrer Forschungs- und Foto-Arbeit. Es erregte Aufsehen und ist bis heute gefragt. Die Liebe zu dieser Architektur hat sie auch nach Brüssel getrieben und eine weitere Sammlung von Fotografien erzeugt, in denen die Vollendung der Gebäude in der strengen Perfektion der Bilder widerscheint.

Ost-Belgien, 1979
Tel Aviv, 1989
Tel Aviv, 1989


Dieter Kaspari,
bekennender Aachener seit 72 Jahren, war mir als Rock-Musiker vertraut – mit der Band TRUSS im Ballsaal der Neuen Galerie. Erst als die „Eifelmaler“ ihn 1989 in ihre Ausstellung aufnahmen und er mit den Ausstellungen „Mit Wasser und Dampf“ 1991 und „Umbau statt Abriss“ 1995 weitere Fotos aus der Rheinischen Industrielandschaft wandern ließ, wurde sichtbar, dass der Berufsmusiker den Berufsfotografen zu Unrecht hinter sich gelassen hatte. Er verdient, wieder entdeckt zu werden. Sein Kollege Dirk Reinartz hatte ihn als Werbefotograf empfohlen, und er hatte sich in Ausstellungen und Büchern profiliert. Um 2010 hat er aufgehört. Nun singt und spielt er nur.

Kleine Grotte in Widdau / Eifel, 1987
Kleine Grotte in Widdau / Eifel, 1987
Kalkofen, Bilstermühler Straße (Frankenwäldchen, ehem. Reichsabtei Kornelimünster), 1988
Bahnhof, Stolberg/Breinig,1988
Gut Reichenstein, Klostermühle, 1988
Hermeshammer in Hammer, 1989
Alle Fotos Mittelformat 6 x 7


Hans Martin Küsters
ist 2014 68-jährig gestorben. Er fotografierte in Kerkrade, Würselen, Eschweiler, Aachen, und er litt unter seinem Brotberuf des Sonderschullehrers. „(…) beschäftigt mich die Ambivalenz zwischen normiertem und individuellem Verhalten insofern, als Menschen dazu neigen, sich so sehr in Formen zu organisieren, dass die Natürlichkeit verloren geht.“ schrieb er im Katalog 1979. Wir haben bis zu seinem Tod in Salem oft darüber diskutiert. Sein soziales Engagement führte seine Kamera; und sein Temperament führte ihn zu spontanen Satiren, zu Fixierungen „normierten Verhaltens“, die heute noch betroffen machen. Die Fotobücher „In Deutschland“ (1979) und „Ordnung, Eintracht, Frohsinn“ (1980) machten ihn schnell bekannt. 2014 erschienen einige Bilder in dem Buch „Schöne neue BRD?“

P.S. In „Tumult 4. Zeitschrift für Verkehrswissenschaft“, die eine Gruppe von Geisteswissenschaftlern der RWTH herausgab, publizierte Küsters 1982 unter dem Titel „Herogenetisches Klima“ eine Serie von 7 Fotos aus einem öffentlichen Bad.

Erker, Herzogenrath, 1976
Würselen, 1979
Karneval, 1979
Kerkrade, 1980


Hans Laven,
67, kam auch aus der RWTH (Wärmetechnik) in die Aachener Fotografenszene und stellte erstmals 1978 im Atrium am Elisenbrunnen „Menschen am Meer“ aus. Die „Schüler“, deren Porträts er in der Neuen Galerie zeigte, hoffte er, in ihrem Wachstum und Werdegang begleiten zu können. Er gehört zu den geduldigen, diskreten Liebhabern des Metiers, entdeckt auf Reisen hervorstechende Motive (das Lager des Obdachlosen, den Straßenmusikanten, den Titel im Bild, ein durch einen Vorhang verschlossenes Schaufenster, „Le Rêve“ (Der Traum) – und hat mittlerweile in aller Stille ein sehr großes Oeuvre zusammengebracht. Im benachbarten Lüttich fand er genug Ansichten, um ihnen 2013 eine Ausstellung zu widmen. Das Metier ist ihm die herkömmliche Schwarz-Weiß-Fotografie, der Rollfilm, der Dunkelkammer-Abzug auf Fotopapier, das kleine Format. Es lohnt sich, nahe heranzugehen, um die Feinheiten zu entdecken.

Schüler, 1980
New York 1993
San Francisco 1987
Lütticher Gastronom 2000


Nach seinem Studium an der Karlsruher Kunstakademie (Malerei) siedelte sich das Ehepaar Barbara und Michael Leisgen im belgischen Raeren bei Aachen an, und wir wurden Freunde. Sie arbeiteten auf den sanften Hügeln der Eifel: Barbara posierte, Michael fotografierte – schwarz-weiße Kleinbildnegative. So entstanden „25 Versuche über den Horizont zu springen“, eine Serie von DIN A 6 Abzügen, die ich 2017 zeigte, als Barbara überraschend gestorben war. Jetzt erst legte eine amerikanische Galerie sie als Edition auf.  Die große Bildergruppe, in der Barbara ihren Körper in die Umrisslinien der Hügellandschaft einschrieb, stellten wir 1974 in der Neuen Galerie aus – und sie erregt große Aufmerksamkeit bis heute. Wo Menschen den Verlust, die Gefährdung der Natur fürchten, fanden Barbara und Michael Leisgen im fotografischen Medium früh Bilder der sehnenden Betrachtung, der Meditation, der Einswerdung.

Wolke, 1972
Fünfundzwanzig Versuche, über den Horizont zu springen, 1974
25 Fotos, Edition 2014


Als Algirdas Milleris aus Litauen in der jungen Fotogalerie medium a in Aachen ausstellte, war er schon Berufsfotograf und Filmer, ausgebildet in der Bundesfachschule Hamburg, und dokumentierte den Bau des neuen Aachener Klinikums für das Architekturbüro Weber & Brandt. Bis heute ist er für Architekturfachzeitschriften und Bildbände beschäftigt – 1992 veröffentlichte er „Schirmfabrik Brauer & Co. – Ludwig Forum für internationale Kunst Aachen – Bestand und Wandel“.  Er hat mit seiner Hasselblad-Kamera den Bau des großen Krankenhauses und den Niedergang der Steinkohle in und um Alsdorf dokumentiert und 2014 dort unter dem Titel „Alsdorf S/W“ Porträts von Menschen mit Migrationshintergrund ausgestellt. Er erhält seinen Bildern eine melancholische, zuweilen geheimnisvolle Atmosphäre, die im Zyklus „Isle of Man“, den er 1981 zeigte und mir schenkte, sichtbar ist.

Isle of Man, 1981
Fotoserie


Die Fotografien eines Bildhauers verraten ihn. Sie gleichen seinen Skulpturen. Wolfgang Nestler (76) und ich haben ihnen 1981 eine eigene Ausstellung in der Neuen Galerie in Aachen gewidmet. Nestler hatte den kältesten, windigsten Ort auf den nackten Hochflächen der Eifel als Domizil gewählt – und fotografiert. Es war eine Zumutung, ihn zu besuchen. Einige dieser Fotos habe ich jetzt wiedergefunden.

Seit seinem Studium bei Erwin Heerich kennt ihn die internationale Kunstwelt als Bildhauer. Ich durfte ihn als Fotografen entdecken. 1981 meinte er, er mache schlechte Fotos mit einer mittelmäßigen Kleinbildkamera, große Abzüge auf Papier, keine Ausschnitte. Er fotografierte Alltagsgegenstände, die ihn in der Eifel umgaben, so, als wären sie Skulpturen, er sah sie als Bildhauer und hatte kein anderes Interesse, als ihnen in seiner Bildhauerfantasie einen Wohnort zu schaffen.

Verspannungen und Tore, Fontaine-Lavaganne (Frankreich) und Dedenborn (Eifel), 1976
Auffangbecken Titz, 1977
Hecken am Messeweg Kalterherberg, 1979


Bernd Radtke,
(59) ist der Jüngste, Meister der Berufsfotografie, mit allen Erfindungen der digitalen Fotografie und ihrer Wiedergabe als Digigraph vertraut; zugleich der Geschichte nostalgisch verbunden: mit einer Großbildkamera des 19. Jahrhunderts belichtet er Kollodium Nassplatten, um eine Serie von historisierenden Porträts herzustellen. Mit seiner HD-Kamera faszinieren ihn verlassene, entleerte, verfallende Räume und die Schauspiele, die zurückgelassene Gegenstände dort vorführen – ihre Metaphysik. Sein größtes Fotobuch ist dem Mainzer Dom gewidmet – den Lichtspielen, den Epiphanien. Seine Kameras und Printer erlauben ihm schwarz-weiße und farbige Drucke in ungewöhnlichen Größen, Schärfen und Unschärfen herzustellen und  Oberflächen auf Leinwänden, die gemalten Bildern nahekommen.

Säuglings- und Kinderkrankenhaus Weißensee:
Stuhl
Staubsauger
Belitz Heilstätten:
Stuhl


Wilhelm Schürmann
(73) war ein Chemiestudent der RWTH und lehrte seit 1972 Fotografie im Institut für Architektur und im Fachbereich Design der Fachhochschule.

Im Katalog 1976 sagte er: „Ich habe als freier Amateur angefangen. Damals hatte ich den brennenden Ehrgeiz, an Wettbewerben teilzunehmen (…), dann (…) ein paar Bilder von mir gedruckt zu sehen, und da sich das am schnellsten bei einer Tageszeitung realisieren lässt, (…) habe ich ungefähr 1 ½ Jahre als freier Mitarbeiter für eine Aachener Tageszeitung gearbeitet. (…) Danach habe ich eigentlich ausschließlich frei gearbeitet. Heute lässt die Galeriearbeit [für „Lichttropfen“] nur noch freies Arbeiten zu.“

Aber er blieb als Fotograf, Galerist und Sammler historischer Fotos nicht bei dem Medium. Die Maler Werner Büttner und Albert Oehlen trugen dazu bei, dass der „Song of Joy“, eine übermütige Brochüre 1983 eine Inszenierung Schürmanns mit dem Maler Martin Kippenberger in der Neuen Galerie begleiten konnte, und fortan bewegte er sich in einem internationalen Netzwerk von Künstlern, Galerien und Museen und trug eine viel beachtete Sammlung zeitgenössischer Kunst zusammen. Die Aachener Museen haben davon profitiert.

Frage 1976: „In Ihren Dokumentarfotografien erscheinen Pointen oder Gags, die durch Worte, Schriftzeichen oder im Bild zitierte Bilder erzeugt werden. Darin äußert sich ein trockener Humor (…)?“

Antwort: „Wahrscheinlich ist das sehr persönlich durch meine Herkunft aus dem Ruhrgebiet und einen nüchternen, kühlen Charakter bedingt. Mich reizen diese Bemalungen auf Kirmesbauten und die Komik der belgischen Hausfassaden.“

Dickes Kind (gerahmt), 1982
Schraubenmann (gerahmt), 1982
Dicke Frau (gerahmt), 1982


Ales Sobota
(68) zog 1968 aus Prag nach Aachen, um Elektrotechnik und Medizin an der RWTH zu studieren. Heute hat mir der Trierische Volksfreund geholfen, ihn in Wittlich als Arzt und Mitarbeiter des Forums für Fotografie Mosel-Eifel wieder zu finden. Auch er wurde 1974 zum Fotografen, als die Aachener „Fotoszene“ sich sammelte, beteiligte sich an Ausstellungen und publizierte seine Bilder. In der Ausstellung der Neuen Galerie folgte er 1981 dem Vorbild des Prager Fotografen Josef Sudek mit breiten Panoramen aus der Industrielandschaft der Aachener Region. In einem Text grenzte er seine Arbeit als künstlerische, konzeptionelle ein: „es ist die bewusste emotionelle und intellektuelle Auseinandersetzung mit der Umwelt, beobachten und reflektieren von Erfahrungen, verarbeiten und ausdrücken von Gedanken. Es heißt: Stellung beziehen“. Heute setzt er sich als Arzt mit den Orten seines Berufs auseinander.  „MEDIZINisches“ hieß seine Ausstellung 2015 in der Synagoge von Zell / Bernkastel-Kues.

5 Panorama-Ansichten 1981


Der deutsche Jordanier Mahmud Telfah (76) promovierte als Maschinenbauer 1979 an der RWTH. 1976 begann er in der jungen Galerie medium a, Fotos auszustellen. Der Ingenieur hat den Sprung in die digitale Fotografie leichtfüßig geschafft und digitalisiert heute alte Negative. Aber die Fotos der Puppen in Aachener Schaufenstern 1981 waren analoge Bilder, die so taten, als wären sie Spielbilder lebender Personen, und überraschten. Wir haben 2014 im Aachener KUNSTWECHSEL eine Serie vergrößerter Blätter von Pflanzen ausgestellt, um ihre Strukturen, ihre Adern zu bewundern – großformatige schwarz-weiße Digigrafien. Jetzt arbeitet Telfah an einer neuen Gruppe von Porträts Aachener Künstler*innen.

Hasenköpfe, 2016
Dame mit Hut,1979
Dame mit moderner Frisur, 1979
Cambridge, 1978
Dame mit Kehrbesen,1979
Alle Fotos analog, schwarz-weiß


Damals – 1981 – interessierte Wolfgang von Contzen (68) „Aktivität, Verkehr, Leben, Arbeit, Schmutz, Hast, Vergnügen, Höhen, Tiefen, Kinos, Kaufhäuser (…). Der Wahnsinn ist, in einem Sekundenbruchteil ein Bild machen zu können, auf dem mehr passiert und zu sehen ist, als im Augenblick der Aufnahmen vom Auge wahrgenommen werden kann.“ (Katalog 1981). Das Bild, das er mir schenkte, zeigt nicht die Stadt, sondern blickt in ein Parkstück bei Vaals, das in der Tat mehr zeigt, als der Fotograf gesehen hat. Auch von Contzen hat an der RWTH studiert, ist aber Berufsfotograf geworden, und wer heute sein Lebenswerk in flickr überschaut, ist überwältigt von Themengruppen wie ENTROPIE und den Abraumhalden der Kohleindustrie. Er hat sich in den letzten Jahren nicht gescheut, farbig zu fotografieren, und den Rhein von der Quelle bis zur Mündung in einer faszinierenden Folge von – ich möchte sagen – klassischen Farbaufnahmen zu porträtieren.

Vaals, 1980
3 Rheinansichten


Karl von Monschau
(75) gehörte zu den ersten Besuchern der 1970 eröffneten Neuen Galerie. 1972 habe ich ihn mit seinem Kollegen Michel de Witte ausgestellt. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Schaufensterdekorateur und entwickelte den Handlungsraum eines passionierten Amateurs, eines Fluxus-Künstlers, der in allen Metiers – Gemälde, Zeichnung, Skulptur, Objekt, Assemblage – zu Hause ist. Als Organisator von Künstlervereinigungen und Ausstellungen, als derjenige, der Robert Fillious Geburtstag der Kunst weiterhin öffentlich feiert, verdient er jetzt schon ein Denkmal. BULGUR, nach einer türkischen Weizenmischung, nannte er 2014 eine Gruppe von Fotos, die Objekte aus seinem Atelier – Pinsel, Spachtel, Schere – zeigten. Er hatte sie in einer Weise auf stark farbigen Abbildungen aus einem italienischen Bildband über Eingeborene aus Neuguinea fotografiert, dass die Gegensätzlichkeit wie in einer Collage eine starke Suggestion provozierte – zwei Welten, die nicht ferner voneinander sein konnten. Acht von diesen Fotomontagen hat er mir geschenkt.

Serie BULGUR, Semi-Appropriation, 2014
Digitaldruck


Geschenkt – Gesammelt
Fotos Aachener Künstler in meiner Sammlung

Eine Ausstellung im Kulturzentrum STADTBAD 2019

1970ER JAHRE: EIN STREIT IN AACHEN:

I S T F O T O G R A F I E K U N S T ?

Barbara und Michael Leisgen, 1970

Die documenta 6 in Kassel hat 1977 die Fotografie in die Bildgattungen aufgenommen, die wir gläubig zur Kunst zählen und sie mit der Retrospektive „150 Jahre Fotografie“ „geadelt“. Die Fotokünstler Barbara und Michael Leisgen aus Aachen nahmen an der documenta teil. Ich war stolz, ihre Fotoarbeiten drei Jahre zuvor in der Neuen Galerie vorgestellt zu haben. Aber nicht nur die Künstler, die das Medium Fotografie benutzten, auch die Fotografen, die „Lichtbildner“, die Dokumentalisten, Berufs- und Amateurfotografen boten damals ein neues Forschungsfeld, das mich faszinierte. Ich fand etliche Vertreter in meiner unmittelbaren Umgebung, an der RWTH Aachen. Die Reihe der blau-weißen Kataloge der Neuen Galerie zu Fotografieausstellungen, die ich heute durchblättere, beginnt 1976 mit Anne Gold, Klaus Herzog und Wilhelm Schürmann. 1979 folgen Herbert Albert und Hans Martin Küsters, 1981 die umfangreiche Übersicht mit 226 Blättern von Peter Helm, Heiner Ix, Irmel Kamp, Hans Laven, Algirdas Milleris, Ales Sobota, Mahmud Telfah und Wolfgang von Contzen; im gleichen Jahr die großen Fotos aus der Eifel des Bildhauers Wolfgang Nestler. Danach,1983, inszenierten der Fotograf Wilhelm Schürmann und der Maler Martin Kippenberger in der Neuen Galerie eine provokante Synthese ihrer Medien mit dem Katalog „Song of Joy“. Er widerspiegelt die Verwirrung, die die zeitgenössische Kunstwelt zwischen Bildkunst und Fotografie beherrschte: „Kippenberger und Schürmann führen uns ihre Medien im Zustand von Erdbeben vor, in dem Glaubwürdigkeit durch Ungläubigkeit, Unsicherheit und Angst ersetzt ist.“ (Zitat aus dem Katalog)

Damals ist die Aachener Fotografen-"Szene" entstanden; Privatgalerien wie Wilhelm Schürmanns und Rudolf Kickens "Lichttropfen" in der Kockerellstraße, eine der ersten Fotogalerien in Deutschland überhaupt, und "medium A" haben sie nachhaltig gefördert; und sogar der Rat der Stadt beschloss 1979, die „neue Kunst“ durch die Vergabe von Stipendien zu ermutigen (Albert, Küsters, Schürmann). Schürmann gehörte zu denen, die nach Fotografen der fruchtbaren 1930er Jahre forschten. Iva Haendly half ihm, in Prag Josef Sudek zu entdecken. Der Kunstmarkt öffnete sich begierig dem neuen, alten Medium.

Einige der Fotografen, die ich in der Neuen Galerie ausstellte, suche ich heute vergebens, andere habe ich im Laufe der folgenden Jahre kennen gelernt. Häufig ist es gelungen, Werke für die Sammlungen des Hauses und seines Nachfolgers, des Ludwig Forums zu erwerben, und immer wieder bin ich als stolzer Besitzer eines oder mehrerer Abzüge heimgekehrt. Sie sollten nicht in meinem Grafikschrank dauerhafte Ruhe finden. Ich freue mich, sie in den Räumen meines Freundes Asgar Adami ausbreiten zu können. 

Die Künstler haben sich gern an den Vorbereitungen beteiligt und werden die Ausstellung bewachen. Heike Tödt und Karl Hommelsheim sorgten dafür, dass alle Fotos angemessen in Passepartouts und Rahmen erscheinen. Jürgen Lowartz und sein Designstudio Welt und Raum entwarfen das Bild (Einladung, Plakat, Katalog, Website), das für die Ausstellung wirbt. Sonja Benzner redigierte die Texte. Asgar Adami stellte das Stadtbad, das er als Ausstellungs- und Veranstaltungsort großartig hergerichtet hat, großzügig zur Verfügung. Ein alter Freund hat über die Vorbereitungen die Flügel so ausgebreitet, dass alles, was wir uns ausgedacht haben, geschehen kann. Ihnen allen danke ich sehr herzlich.